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Lingualpfeife

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Der Herrgott hat einen großen Tiergarten

Eindrücke von der vielleicht katholischsten Messe meines Lebens in St. Stephan (Karlsruhe)

St. Stephan in Karlsruhe mit Blick auf die Altarinsel und die Klais-Orgel


17:31 Uhr. Ich bin etwas knapp dran, als ich zum Eingangslied in die Karlsruher Stephanskirche hineinschlittere, um an der Vorabendmesse zum 3. Ostersonntag teilzunehmen. „Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen“, tönt es mir entgegen und es tut sich ein seltenes „Problem“ auf: Es ist voll! Dieser dem Pantheon in Rom nachempfundene Rundbau, der seit seiner letzten Umgestaltung auch im Innenraum mit Altarinsel und runden Bänken als solcher liturgisch zum Tragen kommt, nötigt mich, im Halbkreis ans andere Ende der Kirche zu gelangen, um einen der letzten freien Plätze zu bekommen.

Dort eingetroffen, schnaubt sich eine greise, verwirrt wirkende Dame unter schmerzverzerrter Miene zu ihrem Platz. Ich schlucke und frage mich, wie ernst ihre Lage wohl ist und beschließe, sie fortan im Auge zu behalten. Der Priester, ein Geistlicher aus Afrika, eröffnet die Feier und hat der Gemeinde unmittelbar freudestrahlend eine echte „Good News“ zu verkünden: „CHRISTUS IST AUFERSTANDEN!“, sagt er: „Freuen Sie sich eigentlich darüber“? Was in unseren Breitengraden bisweilen bis Pfingsten eher mühselig von Sonntag zu Sonntag geschleppt und als Randnotiz der liturgischen Tagesordnung weitergetragen wird, wirkt bei ihm, wie eine echte Neuigkeit, eine echte Sensation: CHRISTUS IST AUFERSTANDEN!

Ich bin beeindruckt, hänge meinen Gedanken nach, werfe immer wieder einen Blick auf die alte Dame und werde prompt an anderer Stelle abgelenkt. Hinter ihr sitzt nämlich eine mutmaßlich aus Lateinamerika stammende Dame, deren Ausdruck individueller Frömmigkeit offenkundig in einer exorbitant hohen Rate an Kniefällen und Kreuzzeichen Gestalt annimmt. Dennoch: Auch sie hat die alte Dame fest im Blick, reicht ihr mehrmals ein Taschentuch, erkundigt sich nach ihrem Wohlbefinden. Auch andere Mitfeiernden tun dies immer wieder. Zur Linken sitzt eine weitere Dame. Ihr ist offenkundig kalt – und erhält deshalb, dem eigenen Widerspruch zum Trotz, von der Lateinamerikanerin die Jacke.

Wir befinden uns gerade beim Evangelium, da kommt erneut Bewegung in die Szenerie: Ein junges Paar steuert mit einem Kinderwagen unsere Ecke an – und erregt damit vor allem die Aufmerksamkeit des benachbarten Sitzblocks. Gegen dieses Kind kann selbst das Evangelium bei einer weiteren Dame nicht ankommen, die sich als scheinbar Dauerbeseelte im Laufe der Messe bereits durch besonders innigen Gesang samt überbordender Körpersprache ausgezeichnet hatte.

Während die sichtlich erschöpfte, junge Mutter in regelmäßigen Abständen Wasser trinken muss und parallel dazu den Kinderwagen in steter Bewegung hält, werden die Fürbitten direkt aus der Gemeinde heraus vorgetragen. Ich horche auf: Man betet um eine friedliche Wende im schwelenden Syrienkonflikt, um eine gute Einigung mit den Arbeitgebern für die aktuell in Baden-Württemberg streikenden Gewerkschafter, für den ernannten Weihbischof und Domkapitular, der morgen im Freiburger Münster die Bischofsweihe empfangen wird.

Ich bin dankbar für diesen Blick auf die reellen Anliegen und Sorgen der Welt, der Region und des Bistums, statt, wie häufig, unterschwellig genervt davon, vor Jahrzehnten vorgestanzte, nichtssagende Fürbittphrasen erdulden zu müssen.

Anschließend blicke ich zur Linken wie gebannt in Richtung zweier weiterer älterer Damen, die bei der Präfation strikt den Blick in mitgebrachte Bücher geheftet halten und vor sich hinmurmeln. Einen ganzen Korb an Büchern haben sie mitgebracht und ich erlebe live, was ich bis dato nur aus dem Geschichtsbuch kannte: Der Priester feiert die Messe und die Gläubigen lesen dazu begleitende Andachtstexte. Das wirkt umso abenteuerlicher, da sich das Ehepaar zur Rechten zwischenzeitlich als dem charismatischen Zweig der Kirche zugehörig entpuppte und mit entsprechender Hingabe Gebete und Gesänge mitzuvollziehen wussten, während die verwirrte Alte sich gerade anschickte, sich bei der plötzlich ebenso verwirrten Lateinamerikanerin für die mehrfache Gabe von Taschentüchern in Form einer zerbrochenen Filterzigarette zu revanchieren.

Daran anschließend bin auch ich plötzlich in der Lage des umgehend Verwirrten, erklang doch zum „Seht das Lamm Gottes“ unerwartet vor mir ein dumpfer Schlag. „Ist die Dame vor mir wohl hingefallen oder gar in der Bank zusammengebrochen?“, frage ich mich. Doch weit gefehlt: Es war kein Unfall, sondern ein Ausdruck der besonderen Hingebung und letztlich ihrer persönlichen Form der Frömmigkeit geschuldet.

Im Augenwinkel beobachte ich zur Kommunion noch einmal das junge Elternpaar: Behutsam nehmen sie ihr wenige Monate altes Baby aus dem Wagen und legen dezent, aber bestimmt einen kleinen Umweg ein: Um den Segen für ihr Kind und die Kommunion durch den Priester zu empfangen. Ich muss innerlich grinsen, weil ich das mag: In der Sache bestimmt und zielorientiert, aber ohne weiteres Aufhebens darum, dass diese Motivation den Übrigen vollständig entgangen sein dürfte.

Durch meine Heimatpfarrei Würzburg Heidingsfeld ist mir der Heilige Diakon Laurentius besonders vertraut: Er hat während der Christenverfolgung sein Leben dafür bezahlt, weil er die „Schätze der Kirche“ herausgeben sollte und zu diesem Anlass Kaiser Valerian alle Schwachen, Kranken und Verkrüppelten als den „wahren Schatz der Kirche“ präsentierte.

„Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Selten zuvor durfte ich innerhalb einer Messe so deutlich erfahren, was dieses „katholisch“ bedeutet. Es geht um eine weltumspannende Kirche, in der man nicht nur als Mitglied einer bestimmten spirituellen Strömung Heimat finden kann. Auch nicht um die als „societas perfecta“ versammelte „Elite“ der Uniformisten, deren liebstes Thema die sonntägliche Beobachtung von Normabweichlern darstellt und damit gleichzeitig das Maß der immergleichen Langeweile und Eintönigkeit kaum zu überbieten vermag.

Ich gestehe: Oft genug bin ich vielleicht selbst ein solcher Langweiler, der sich im sicheren Gehege der Orgelempore ganz wohl und ungestört fühlt, um seinen immergleichen Gang zu gehen. Doch heute war die besondere Erfahrung der Messe in St. Stephan in Karlsruhe eine heilsame Störung, die ich gerne auch langfristig auf mich wirken lasse.

„Der Herrgott hat einen großen Tiergarten“. Wie passend, wo ich unmittelbar vor der Messe den Nachmittag verbracht habe: Im Zoo.




Veröffentlicht: 14.04.2018

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