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Lingualpfeife

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Corona, Quarantäne und die Kirche

Warum die Liveübertragung von Gottesdiensten zu wenig ist

Livestream und Liveschat beim #LinguSpecialMeet am 25.01.2020 in Freiburg


Die derzeitige Ausbreitung des Corona-Virus führt inzwischen zu empfindlichen Einschnitten des öffentlichen Lebens, das zunehmend zum Erliegen kommt. Auch der kirchliche Bereich bleibt hier nicht ausgenommen: In Italien wurden inzwischen flächendeckend die Gottesdienste abgesagt. Ab Montag gilt das auch für Österreich und es werden sicher noch zahlreiche Regionen folgen – auch in Deutschland. In vielen Diözesen wurden im Zuge dessen Dispensen von der Sonntagspflicht erlassen und als Ersatz wird auf das Angebot der Fernsehgottesdienste und Liveübertragungen verschiedener Domkirchen verwiesen. Längst stellen sich viele die bange Frage, ob dies auch der Modus sein wird, in dem wir in diesem Jahr das Osterfest feiern werden.

Fernsehgottesdienste und Livestreams in allen Ehren! Selbstverständlich gilt: Ein Livestream ist in jedem Fall besser als kein Livestream. Aber mit Blick auf die vielfältigen Möglichkeiten, die wir dank der Digitalisierung zur Verfügung haben, ist das als die zentrale Maßnahme doch nur kalter Kaffee.

Ich frage mich ernsthaft: Ist das alles? Sind die „Zeichen der Zeit“ nicht andere? Meiner Ansicht nach kann es nicht dabei bleiben, sämtliche Gottesdienste und sonstige Aktivitäten zu streichen und lediglich ein linear ausgestrahltes Angebot der Gottesdienstübertragung zur Verfügung zu stellen, das überdies an den Bedürfnissen der Menschen weitgehend vorbeigeht.

Diese These klingt vielleicht hart. Aber im Ernst: Für 90% der Katholiken in Deutschland stellt das fehlende Gottesdienstangebot ohnehin keinen Verlust dar, da sie (warum auch immer) der Sonntagsmesse sowieso fernbleiben. Für die verbleibenden 10% kann man sowohl ein Interesse an den sozialen Kontakten einer Ortsgemeinde annehmen, als auch ein Bedürfnis, das wöchentliche Ostergedächtnis zu feiern und dem Herrn im Sakrament zu begegnen. Beides aber – von der geistigen Kommunion einmal abgesehen – ist im Livestream so nicht möglich – und geht daher an den Bedürfnissen der Menschen vorbei.

Was wäre also über die Liveübertragung von Gottesdiensten hinaus geboten? Wir steuern auf Wochen zu, in denen zahlreiche Menschen in Quarantäne oder im Krankenhaus verbringen müssen und notwendig die großen Fragen des Lebens – und gerade auch des unverschuldeten Leids – in den Mittelpunkt rücken werden. Es wäre also die erste und wichtigste Aufgabe der Kirche, das bislang weitgehend übersehene und verschenkte Potenzial des Internets als Plattform der Seelsorge zu heben und diesen Menschen beizustehen, ihnen Trost zu spenden und die erlösende Botschaft des Evangeliums in die Welt zu tragen – nur eben digital.

Ein Gebot der Stunde wäre es, Seelsorgerinnen und Seelsorger in dieser Funktion erkennbar im Internet agieren zu lassen, um so als Kirche für jene individuell ansprechbar zu sein, denen physische Kontakte nach außen verwehrt oder unmöglich sind. Darüber hinaus muss es digitale Räume des gemeinsamen Gebets oder Gesprächs geben, in denen auch außerhalb der Bürozeiten von 9 bis 16 Uhr Ansprechpartner erreichbar sind. Dieser Kontakt darf sich aber keineswegs auf punktuelle Gelegenheiten beschränken. Vielmehr muss es auch möglich sein, durch kirchlich beauftragte Seelsorgerinnen und Seelsorger über etliche Tage oder auch Wochen individuell begleitet zu werden, selbst wenn sich diese niemals im analogen Leben begegnen werden.

Diese Formen der digitalen Begleitung gibt es bereits heute – allerdings im häufigsten Fall, weil engagierte Seelsorgerinnen und Seelsorger dies unbezahlt in ihrer Freizeit leisten und dadurch häufig an ihre eigenen Belastungsgrenzen stoßen. Es ist daher umso wichtiger, dass dieser Dienst Teil regulärer Stellenbeschreibungen wird und im Rahmen vergüteter Arbeitszeit verrichtet werden kann. Hierbei darf es schlicht keinen Unterschied zwischen der Seelsorge im analogen und digitalen Bereich geben.

Wir haben als Kirche durch das Internet erstmals wieder die Chance, jene zu erreichen, die nicht mehr den Weg in unsere Gottesdienste finden und darüber hinaus die Möglichkeit, mit jenen in engem Kontakt zu bleiben, die aus verschiedenen Gründen nicht besucht werden können oder wollen. Damit eröffnet sich ein echter Mehrwert und ein schier unerschöpfliches Potenzial für die Pastoral. Die Corona-Pandemie wird vorübergehen und das öffentliche Leben zur Normalität zurückkehren. Diese Menschen aber, für die diese Form der kirchlichen Präsenz im Internet wertvoll und wichtig wäre, bleiben.

Als christliche Online-Community haben wir damit jedenfalls inzwischen bei „Lingualpfeife“ über zwei Jahre Erfahrung und können von zahllosen Beispielen berichten, dass Online-Seelsorge, Online-(Stunden-)Gebet und eine digitale Weggemeinschaft deutlich intensiver möglich sind, als das gemeinhin angenommen wird. Wie das genau funktioniert, wäre aber schon wieder das Thema für einen eigenen Beitrag.




Veröffentlicht: 12.03.2020

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